Mittwoch, 5. Dezember 2007

Thinking Outside the Boxes

Meine Damen und Herren, ich weiss, es ist eine absolute Frechheit: ich war gerade zwei Tage nicht in Ihrem Leben. Tut mir Leid dafür, aber ab und zu muss ich dem Job, der meine Rechnungen zahlt, den lieben Vortritt lassen, erstaunlicherweise. Das sah dann ungefähr so aus:




Jedenfalls bin ich jetzt so mehr oder weniger zurück, und wie: vor einigen Tagen hat einer meiner besten Freunde mit mir mal wieder diese an sich idiotische Schweizer-Rap-Diskussion geführt. Und da er von dieser Musik ein bisschen weniger Ahnung hat als ich, behält er sehr wahrscheinlich besser die Übersicht, denn er meinte:


"Schweizer Rap wird nie erfolgreich werden, solange die Leute im Schweizer Rap beim Machen von Schweizer Rap immer an eine äussere Erwartungshaltung denken, so lange die Leute nicht auf sämtliche Klischees, die es gibt, scheissen. Wenn die Menschen Songs machen, die am Schluss in irgendwelchen stereotypischen (Amerika-)Rap-Schubladen landen, wird das nie die kritische Masse erreichen."




Dieses Statement hat mich aus mehreren Gründen fasziniert:

Erstens frage ich mich schon länger, ob beim Rap bzw. den Machern von Rap, insbesondere in der Schweiz, tatsächlich so etwas wie eine konstruierte Erwartungshaltung an sich selber existiert, d.h. eine "objektive Rapzielkonzeption", die völlig unabhängig von der produzierenden Person steht. Rapper X macht dann "auf Rapper Y" oder "auf Stil Y", anstatt dass er seinen eigenen findet.

Zweitens frage ich mich, ob wir uns immer noch in Ami-Schubladen befinden. Bei diesem Punkt gilt es aufzupassen, denn der Ami-Schubladen-Klischee-Vorwurf wird im Schnitt zu früh erhoben: nur weil einer nicht vom guten Leben und den schönen Landschaften und dem guten Sozialversicherungssystem rappt, fährt er noch lange nicht die Amiklischeeschiene. Stimmen tut der Vorwurf meiner Meinung nach aber trotzdem: Ich sage nicht, in der Schweiz verkauft niemand Yayo, aber derjenige, der es tut (und auch noch darüber rappt), sollte halt künstlerisch gut genug sein/werden, seinen (!) Yayo-Verkaufs-Hustle anders zu beschreiben als Rick Ross
seinen beschreibt. Ich glaube nicht, dass es die Schweizer Versionen von amerikanischen Vorbildern hier nicht gibt, aber ich glaube, dass die Schweizer Versionen zuwenig dafür tun, sich von den Vorbildern abzugrenzen. Sie wirken eher wie "Kopie von X" denn wie ein Eigencharaktergewächs. Und das hat auch mit der Kunst zu tun, d.h. mit der Fähigkeit, rappen zu können.
...
Drittens aber, und das scheint mir der interessanteste Punkt zu sein, stellt sich für mich die Frage, ob wir uns zuerst mit dem Ziel oder zuerst mit uns beschäftigen. Konkret: Stellen wir als Rapper zuerst ein Ziel auf, welches wir dann zu erreichen suchen (z.B. Rappen wie Rick Ross), oder suchen wir zuerst "unseren" Sound und lassen uns dann die Vergleiche aus der "Der Typ klingt wie X"-Abteilung im nachhinein aufdrücken. Und gerade in dieser Beziehung besteht meiner Meinung nach in der Schweiz enormer Nachholbedarf, denn die Leute starten oftmals von der falschen Basis: sie setzen sich ein Ziel, ohne sich ihres Starts bewusst zu sein. Anstatt einfach mal zu machen, wird (oftmals) falschen, d.h. unpassenden Vorbildern nachgeeifert, was den Sound abedroschen und fake, im besten Fall noch "gut kopiert", sicherlich aber nie so richtig genuin erscheinen lässt. Und auch wenn dieser Vergleich jetzt idiotisch erscheint: Gölä hat mit dem Schwan nicht umsonst so viele Platten verkauft. Der Song ist eben er und die Schweiz. Die Songs von Schweizer Rappern hingegen sind oftmals Rick Ross und nicht die Schweiz, sondern Miami/ATL/NY etc. Genau dort fehlt dann das Identifikationspotential, denn Musik und Geschmack funktionieren letztendlich eben auch demokratisch: Themen, die zuwenig Leute ansprechen/interessieren etc., haben kaum eine Chance auf Gehör und damit auf Verkaufszahlen. Nutten und Gewalt sind für die Schweiz im demographischen Sinne einfach weniger relevant als Milchpreissubventionen. Darum: so lange Rap in thematischen wie sonstigen Klischees verharrt, wird das die kritische Masse kaum erreichen können. Fragt mal Stress mit seinen auf die Schweiz gezimmerten Liebes- und Trauersongs.

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